Das Labyrinth der Budaer Burg


 Nun war ich ein Wochenende in Budapest. Ich hatte mit Bedacht diese Stadt gewählt, da es dort viele Ausgrabungsstätten gibt. Mir war klar, daß ich dort fündig werden würde. Was ich dort finden würde, wußte ich allerdings nicht, und auch nicht wo. So lenkte ich meine Schritte zuerst auf die Margareteninsel. Dort stehen die Überreste eines alten Klosters. Doch das war es nicht, darum ließ ich es dabei bewenden. Seraphin, meine Begleiterin, schaut sich sowieso ungern altes Gemäuer an. Ich wußte, mein Ziel kommt zur rechten Zeit.

Bevor das Flugzeug zurück nach Hause ging, war noch fast ein ganzer Tag Zeit. So gingen wir wieder, wie auch schon die Tage davor, hinauf auf den Budaer Burgberg. Auf der Suche nach einem Restaurant führte uns unser Weg an einem der vielen, schönen Häuser vorbei, die Tür einladend geöffnet, ein Schild mit der Darstellung eines Labyrinthes darüber. Ich wurde ganz hektisch. Es zog mich unwiderstehlich dorthin, aber zuerst war gutes Essen angesagt, um Kräfte zu sammeln. Die brauchte ich...

Bei diesem Labyrinth handelt es sich nicht um ein klassisches. Es ist vielmehr ein altes Höhlensystem, in dem man sich ohne weiteres verlaufen könnte. Stufen über Stufen führten stetig hinunter in das innere des Berges. Schon den Eingang zu finden war eine Frage der Intuition. Die Höhlen existieren schon seit Ewigkeiten, und sind nun Teil eines künstlerischen Projektes, das gleichsam verschiedene Abschnitte der Geschichte Ungarns als auch des eigenen, einzelnen Lebens darstellt. Wunderliche Trommelklänge hallen durch die Gänge. Wir befinden uns auf dem Weg in die Unterwelt. Atemberaubend. Vor uns taucht plötzlich ein Gewölbe auf, in dem nun wieder ein ganz anderer Klang die Reisenden empfängt. Zart, überirdisch lädt er zur Rast ein. Seraphin möchte singen, doch mich zieht es weiter. So trennen sich unsere Wege...

Gehe ich nach rechts oder lieber nach links? Links natürlich, ich höre dort so einen wunderlichen, tiefen Brummton, der recht beängstigend wirkt. Also genau richtig für mich. Eben noch von vielen anderen Reisenden umgeben, stehe ich nun allein da. Vor mir erstreckt sich ein schmaler, in diffuses Licht getauchter Gang, der durch seine Windungen schwer einsehbar ist. Meine Güte, ist das dunkel und gruselig. Überall stehen an den Wänden steinerne Gestalten, kaum sichtbar, aber trotzdem vorhanden. War dort eine Bewegung? Meine hallenden Schritte sind neben diesem tiefen Ton das einzige Geräusch. Ich verspüre den Drang zu rennen, doch ich lasse mich nicht dazu hinreißen. Oder sollte ich zurückgehen und Seraphin suchen? Nein, kommt nicht in Frage. Dies ist mein persönlicher Weg, und ich muß ihn allein gehen. Links von mir erstreckt sich ein riesiges, schwarzes Loch. Wohl eine größere Höhle, die scheinbar ein bedrohliches Wesen beherbergt. Doch es ist die Angst vor meinem eigenen Schatten, vor der Dunkelheit. Ich wollte ihn kennenlernen und bekomme nun die Gelegenheit dazu. Ich bin es ihm und mir schuldig. Viele Gefühle kommen nun hoch, so schnell, daß ich sie kaum voneinander unterscheiden kann. Stimmen wispern, ich spüre die Anwesenheit anderer Wesen. Sie begleiten mich. Eine weitere scharfe Biegung liegt vor mir. Dahinter liegt ein kleiner Raum. Drei Gestalten stehen in der Mitte, verdecken den Weg. Ich muß um sie herumgehen, mich auf sie einlassen. Gebe ich mich der Angst hin, komme ich nicht an ihnen vorbei, der Weg wird mir versperrt. So gehe ich mutig durch ihre Gruppe hindurch, finde die Tür. Ein weiterer Raum offenbart eine weitere Gestalt. Sie ist menschlicher als die Vorhergehenden. Hinter ihr hängt ein riesiger Kettenvorhang, der eine Höhle verbirgt. Die Ketten schlagen, während ich vorbeigehe, aneinander und geben ein sachtes Klirren von sich... Es ist ein Weg zu mir selbst. Keinerlei Ablenkung von außen, kein orientieren an anderen. Hier muß ich mich völlig allein zurecht finden, mich auf meine Sinne verlassen. Es ist schön, nach und nach werde ich ruhiger, denn was soll mir hier passieren? Ich bin völlig sicher und geborgen. Die einzige, die mir schaden kann, bin ich selbst. Eine schöne Erkenntnis. Und als ich meinte, ganz mit mir allein zu sein, warf mich die Welt zurück ins Leben. Ich betrete einen Raum, in dem andere Reisende umhergehen. Sie sind meist zu zweit oder in Gruppen, doch ich fühle mich stark, weil ich allein war. Ich habe eine Erfahrung gemacht, vor der die Menschen davonrennen. Das All-Ein-Sein, eine völlige Konzentration auf sich selbst, das Finden der eigenen Mitte.

Während ich allein durch die Gänge wanderte, konnte ich mir nicht vorstellen, noch einmal zurück zu gehen. Doch genau das tat ich nun. Ich wollte Seraphin suchen, um letztendlich nicht ewig am Ausgang auf sie zu warten (das war jedenfalls meine oberflächliche Definition). So hatte ich die Möglichkeit, diesen Weg aus noch einer anderen Perspektive zu betrachten. Meist gehen wir irgendwohin, und sehen nur eine Seite. Würden wir uns öfter einmal umdrehen, könnten wir einige andere, interessante Erfahrungen machen. Ich ging also zurück und fand bei den drei Gestalten die Tür nicht mehr, weil aus meiner jetzigen Sicht der Herr in der Mitte genau davor stand. Somit war ich etwas verwirrt, drehte und wendete mich, beleuchtete die Sache von ganz verschiedenen Seiten, bis ich mich neu orientierte. Und dort fand ich sie. Nachdem ich in Ecken geschaut hatte, die ich wahrscheinlich sonst in keinster Weise beachtet hätte, verschaffte mir das einen "höheren" Überblick, von dem aus ich den richtigen Weg klar erkennen konnte. Und ich faßte eine Zuneigung zu dieser Höhle, die mir anfangs doch Angst bereitet hatte. Ich war jetzt völlig gelöst.

Zurück im Gewölbe, das meinen Ausgangspunkt darstellt, nahm ich nun den anderen Weg. Er war nach dem, was ich erlebt hatte, kurz und unspektakulär. Ich war fast augenblicklich in einer kleineren Halle, die hell erleuchtet war, liebliche Musik plätscherte dahin. Vier beckenförmige Wasserspeier, aus denen Rotwein floß, standen in deren Mitte. Auf einer der Bänke saß Seraphin. Ich hatte zwei Gedanken, die mir durch den Kopf schossen. Der erste meinte, es ist ein Geschenk an mich, da ich nach dem Gang ins Dunkle und Unbekannte, nun das Licht fand, an dem ich mich stärken konnte (Wein). Der zweite fand, daß diese Höhle in Anbetracht der anderen Themen, doch einen Bruch darstellte, da sie gar nicht hierher paßte. Wieso fand ich es unpassend, diese Höhle hier zu finden? Es war hübsch, hell und irgendwie überflüssig. Trotzdem war es erbaulich. Ich wußte, daß diese Höhle einen Aspekt des menschlichen Leben darstellt. Es spiegelt die Oberflächlichkeit der Mehrzahl gelebter Leben wider, das nur die Fassaden umreißt, aber noch nicht dahinter schauen möchte. Sich nur am Schönen erfreuen, nur das Licht suchen, sich nur an einer Seite der Vielfältigkeit versuchen. Mir war klar, daß viele diesen dunklen Gang noch nicht gehen können. Doch kommt jede Seele irgendwann an diesen Punkt, an dem sie sich sich selbst stellen muß. Ich gehe danach zum dritten mal durch diese dunkel Höhle (gibt ja Leute, die nicht genug bekommen können, nech). Dabei offenbart sie einen weiteren Aspekt. Sie ist ruhiger, gelassener. Die Angst ist vollständig verschwunden. Mir geht durch den Kopf, wenn ich diese Dunkelheit allein überstanden habe, schaffe ich alles. Wovor sollte ich mich eigentlich fürchten?! Ich bin an diesem Tag sehr glücklich und erfüllt, spüre neue Kräfte und viel Freude in mir, denn ich habe etwas Wichtiges für mich gefunden.

Labyrinthbilder