Gotik


 

Es mag auf den ersten Blick etwas merkwürdig anmuten, daß ich ausgerechnet einen mittelalterlichen Bausstil mit in meine Seiten nehme (dieser Text hat also nichts mit Gothic zu tun - kleine Anmerkung in eigener Sache), jedoch habe ich mich so intensiv mit ihr auseinandergesetzt, daß ich sie mehr und mehr als einen recht unchristlichen Baustil einordne, obwohl sie im christlichen Europa 400 Jahre dominierte. Sie war ungefähr ab Mitte des 12. Jahrhunderts bis ca. 1550 vorzufinden.

Das besondere an der Gotik ist, daß die Gebäude eine Höhe aufweisen, die mich grübeln läßt, wie so etwas zu bewerkstelligen war. Statt der Rundbögen und Tonnengewölbe, die unbewußt auf den Schultern der Menschen lasten, sobald sie dergleichen Räume betreten, wurden Spitzbögen und Kreuzrippengewölbe bevorzugt, die wiederum ein Aufrichten und Strecken des Körpers hervorrufen. Spitzbögen bündeln die statischen Lasten und setzen sie auf die Fundamente ab. Dadurch war es möglich, unglaublich filigrane Skelette, dünne Wände und so hoch, wie es vorher nicht möglich war, zu bauen. Eine gotische Kirche oder Kathedrale wirkt wie ein organisches Wesen, in dem sich der Betrachter aufhält. Das Leben pulsiert an allen Ecken und Enden. Die vielen Verzierungen innen und außen, wie z.B. Kriechblumen, Rosettenfenster, Schneuße, Kreuzblumen, Fialen, Wimperge, Strebepfeiler und kunstvoll verschlungene Schlußsteine lassen an eine andere Welt denken. Nichts destotrotz ergibt die Höhe immer eine harmonische Form. So erscheint bspw. das Portal nie so hoch, daß der Mensch, der hindurchschreitet, sich klein und armselig vorkommt. Eine weitere Besonderheit ist, daß ein Kreuzrippengewölbe nicht einstürzt, so lange der Schlußstein noch vorhanden ist.

Gotische Kirchen sind wie ein Musikinstrument aufgebaut. Die Schwingungen, die jedem Gegenstand eigen sind, wurden hier perfektioniert, so daß sie in sphärischen Harmonien schwingen. Jede Kirche hat somit einen eigenen Ton. Je größer die Kirche, desto tiefer schwingt sie. Diese Töne sind nicht im herkömmlichen Sinne zu hören, es ist mehr so, als wenn der Körper sich ebenfalls darauf einschwingt, so daß die Schwingung innerlich wahrnehmbar ist.

Ursprünglich waren die Kirchen nicht einfach weiß getüncht. Sie wurden kunstvoll in verschiedenen Farben bemalt. Das Gewölbe wurde oft in einem tiefen Blauton gehalten, auf dem sich nicht selten filigrane, goldene Sterne abzeichneten, so daß der Eindruck eines Himmelsgewölbes entstand. Zudem wurden die Fenster, die meist mehrbahnig und mit wechselnden Steinornamenten versehen waren, mit Buntglas ausgestattet. Das Rosettenfenster an der Westseite über dem Portal gleicht einem Mandala. Phantasiereiche Verzierungen ergeben ein Ganzes, das durch ebenfalls bunte Scheiben ein irrisierendes Licht in die Kirche ließ. Es ist also nicht weiter verwunderlich, daß in gotischen Kirchen sehr schnell ein Trancezustand erreicht werden kann. Es gilt Schluß zu machen mit dem Aberglauben über das finstere Mittelalter. Es war eine Zeit, in der die Leute meines Erachtens ihrer Spiritualität näher waren, als es heute der Fall ist. Dies drückt sich in der Mannigfaltigkeit der Bauweise aus, die nichts mit engstirnigem Denken zu tun hat. Ganz im Gegenteil, sie offenbart einen inneren Reichtum, das Vorhandensein von Visionen, die in die Tat umgesetzt wurden. Das Leben spielte sich nicht nur im materiellen Bereich ab. Ganz abgesehen davon, daß in dieser Zeit auch keine Hexen verbrannt wurden, wie immer so gern angeführt wird. Die Hexenverfolgungen begannen erst in der sogenannten Neuzeit, dem "aufgeklärten" Zeitalter ab der Renaissance, in der der Mensch wieder das Maß aller Dinge war. Nun, wenn sich das geistig auf diese Weise ausdrückt, nicht gerade ein erstrebenswertes Ziel. Aber ich schweife ab...

Eine weitere Besonderheit der Gotik ist, daß die Seitenschiffe nicht durch dicke Wände vom Hauptschiff getrennt sind, sondern nur Säulen symbolisch abgrenzen. Es handelt sich hier meist um Hallenkirchen. Dadurch wird dem Geist Raum gegeben, er prallt nicht an dicken Wänden oder niedrigen Decken ab. Er kann sich entfalten, sich immer wieder an kunstvollen Kleinigkeiten festsaugen. Das Kleine ergibt ein großes Ganzes. Die Säulen, die das Hauptschiff flankieren, wirken wie riesige, alte Bäume, die das Himmelsgewölbe tragen. Ihre Zweige, die das Kreuzrippengewölbe ergeben und kunstvoll in variantenreichen Formen miteinander verschlungen sind, zeigen die höchste Dimension, die es zu erreichen gibt. Fest verwurzelt in der Unterwelt symbolisieren sie die drei Ebenen des Weltenbaumes. Wie eine Allee begleiten sie die Besucher auf ihrem Weg durch das Schiff, welches ich als Seelenschiff bezeichnen könnte. Die Geburt mit dem Eintritt in das Gebäude, die freie Entfaltung des Geistes und die Ergriffenheit ob dieser mystischen Bauweise. Immer wieder wird der Blick (und damit auch Geist und Körper) in die Höhe gezogen. Trotz allem verwurzelt der Mensch, so wie der Weltenbaum in den Tiefen der Erde Nahrung bezieht. Aus Osten kommt die Energie voller Kraft auf den Menschen zu und ermöglicht damit ein Hinauswachsen über sich selbst. Merkwürdige Kreaturen, welche oftmals außerhalb der Kirche aber auch innerhalb auf den Weltenbäumen angesiedelt sind, begleiten auf dem Weg, zeigen, daß nicht alles auf einmal zu erfassen ist, daß es mehr gibt zwischen Himmel und Erde. Sie erinnern stark an Schattenwesen, an Bewohner der Anderswelt, die hier in der materiellen Realität ein Gesicht bekommen haben.

Ja, die Gotik ist in der Tat ein andersartiger, mystischer Baustil. Für mich gibt es bisher wenig Vergleichbares, das die Dimensionen des Seins auf so vielfältige Weise in Stein wiedergibt. Die Gotik ist versteinerte Musik, und sind es doch gerade die Steine, die äußerlich zwar tot wirken, innerlich jedoch die größte Vielfalt des Universums offenbaren.